“Brassed off” – Stadttheater Bielefeld

Gefeierte Premiere von “Brassed off” im Bielefelder Stadttheater
“Mit Pauken und Trompeten” – Am Rande des Nervenzusammenbruchs
VON STEFAN BRAMS

Bielefeld. “Wie im Himmel” und “Harry und Sally” sind die Renner am Bielefelder Stadttheater. Beiden Stücken ist eines gemeinsam – es sind dramatische Adaptionen erfolgreicher Kino-Filme. Ihnen hat Intendant und Regisseur Michael Heicks nun einen weiteren Filmstoff hinzugesellt. Am Freitagabend feierte “Brassed off – Mit Pauken und Trompeten” – angelehnt an den gleichnamigen britischen Erfolgsfilm – eine umjubelte Premiere im Stadttheater.

Hoffnungslosigkeit macht sich breit in Grimley mitten im nordenglischen Kohlerevier. Die alles dominierende Zeche, von Bühnenbildner Timo Dentler in einer runden Stahlkonstruktion auf der Drehbühne geschickt angedeutet, droht zehn Jahre nach dem großen Bergarbeiterstreik von 1984/85 die Schließung. Bedroht sind nicht nur die Arbeitsplätze der Bergarbeiter sondern auch ihr solidarisches Miteinander, denn 23.000 Pfund Abfindung werden denen angeboten, die für die Zechenschließung stimmen.

Misstrauen kommt auf, die Bergleute und ihre Familien stehen am Rande des Nervenzusammenbruchs – und auch die mehr als 100 Jahre alte Brass Band, Teil ihrer Kultur, ist in Gefahr. Phil, Jim, Harry und Andy gehören der Band an. Vor zehn Jahren haben die vier Kumpels noch gemeinsam gekämpft gegen die Zechenschließungen. Heute sind sie nur noch Schatten ihrer selbst.

Radikaler Klassenkämpfer zieht Abfindung vor

Harry (großartig und mit einer versoffen-dunklen Stimme aufwartend John Wesley Zielmann) überlässt lieber seiner Frau Rita (Carmen Priego überzeugt als verhärmte Demonstrantin) den Kampf um die Zeche. Phil, einst radikaler Klassenkämpfer, zieht dieses Mal die Abfindung vor. Thomas Wehling spielt dessen innere Zerrissenheit sehr feinfühlig. Völlig überfordert ist Phil zudem mit seiner Frau Sandra – köstlich hysterisch Hannah von Peinen – und seinem ständig zappelnden Sohn Shane (urkomisch Georg Böhm). Aber auch Frauenheld Andy (gewohnt stark Lukas Graser) und Jim (überzeugend prollig Oliver Baierl), der mit seiner Vera (herrlich grell Nicole Paul) wenig anfangen kann, haben ihre Lebensmitte verloren. Sie jammern und trinken, sind nur noch Maulhelden, die heftig um die Angestellte Gloria (überzeugend Christina Huckle) buhlen – als diese in ihre Brass Band aufgenommen wird.
Die Blaskapelle wird von Phils Vater Danny (überragend verkörpert von Thomas Wolff) mit großer Besessenheit dirigiert – und zusammengehalten. Danny, schwer Lungenkrank, kennt dabei nur ein Ziel – den Sieg seiner Band im Finale des landesweiten Wettbewerbs in London.

Regisseur Michael Heicks verpackt das Ringen der Menschen von Grimley um ihr Leben, ihre Band, ihre Zukunft in schnellen, oft urkomischen, grellen Szenen, die durch die schrillen Kostüme von Okarina Peter noch trefflich verstärkt werden. Doch das Lachen über diese schrägen Momente bleibt den Zuschauern immer wieder auch im Halse stecken – angesichts der verzweifelten Situation, in der sich diese Menschen befinden. Und wäre da nicht die Brass Band, sie hätten gar keinen Halt mehr – die vier Kumpel und all die anderen in Grimley. Die “Grimley Colliery”, der Bielefelder Willi Budde hat diese Band eigens für das Stück aus 20 Hobby-Musikern geformt, ist das Zentrum dieses Dramas. Sie wirkt schräg, skurril, ist aber zugleich auch der letzte Hort, in dem die gebeutelten Malocher in ihren blau-orangenen Uniformen noch Selbstbewusstsein tanken können. Diese Band, sie darf nicht untergehen, auch wenn die Musiker selbst zeitweise an ihrer Sinnhaftigkeit zweifeln.

Und am Ende, wie sollte es anders sein in diesem augenzwinkernden Sozialdrama, siegen die Bläser aus Grimley im Finale in der Londoner Royal Albert Hall. Und Danny, der die Band dort selbst nicht mehr dirigieren kann, – zu weit ist seine Lungenerkrankung fortgeschritten – hält nach der Preisübergabe eine ergreifende Rede an das Publikum. Es ist ein anrührender Appell, sich einzumischen, nicht nur dann, wenn es um die Rettung von Tieren geht, sondern auch, wenn Menschen und ihre Zukunft auf dem Spiel stehen.

Hat das Zeug, Kultstatus zu erlangen

Großes Kino, pardon Theater, dessen Erfolgsgaranten einmal mehr die schmissige Vorlage, die gelungene Dramatisierung des Filmstoffs, ein bis in die Nebenrollen (irre witzig Nicole Lippold als Krankenschwester) erneut hervorragend aufspielendes Bielefelder Ensemble und Buddes so schön-schräge Brass Band sind. Vor allem letztere hat das Zeug, Kultstatus zu erlangen.

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