“Harry und Sally” – Stadttheater Bielefeld

“Harry und Sally” überzeugt in Bielefeld
Anarchisch, verrückt, witzig
VON STEFAN BRAMS

Bielefeld. Sie haben mal wieder Lust auf “Harry und Sally” – den Kultfilm aus dem Jahr 1989? Sie haben die DVD verlegt? Kein Problem. Abhilfe gibt’s im Bielefelder Theater am Alten Markt. Dort hatte “Harry und Sally” als deutschsprachige Erstaufführung Premiere – und überzeugte dank einer wunderbar anarchischen Inszenierung, die den Film vergessen machte, weil Regisseur Henner Kallmeyer darauf verzichtete, die Filmvorlage zu kopieren und das vierköpfige Ensemble geradezu lustvoll aufspielte.

New York City Ende der 80er Jahre. Die angehende Journalistin Sally Albright ist neu in der Stadt, die niemals schläft. Sie ist 20 Jahre alt, will Karriere machen, endlich etwas erleben. Der Freund ihrer besten Freundin streicht für ein paar Dollar ihre erste eigene Wohnung. Sein Name Harry Burns, angehender Anwalt, 21 Jahre alt, Vorne-Kurz-Hinten-Lang-Frisur, wahnsinnig cool, selbstsicher und schlagfertig und ein wahrer Anmacher. Was die eher naive Sally zum Wahnsinn treibt.

Das Spiel kann beginnen, denn Harry (Thomas Wehling) und Sally (Hannah von Peinen) stoßen sich ab wie die gleichen Pole eines Magneten. Liefern sich eine Dialogschlacht sondergleichen und gleich zu Beginn geht es um Harrys These, dass Männer und Frauen nicht befreundet sein können, weil ihnen der Sex immer dazwischen kommt. Kommt er bei den beiden vorerst nicht, sie kommen aber auch nicht zusammen und so gehen sie ihrer Wege und treffen sich alle Jahre mehr oder weniger zufällig wieder bis . . .

Phantasie der Zuschauer gefragt

So einfach die Geschichte, so schön das Wiedersehen der beiden auf einer recht leeren Bühne (Bühnenbild Jürgen Höth), die New York nicht zeigt, sondern lediglich einen aufrecht stehenden x-beliebigen Wohnungsgrundriss, vor dem ein Sofa steht. Diese Reduktion gibt der Phantasie der Zuschauer jede Menge Freiheit für eigene Bilder und führt weg vom Film. Eine kluge Entscheidung.

Schräge Kostüme, schreiend komisch

Klug ist auch der Einsatz zweier Märchenfiguren. Nicole Paul spielt den “Liebesengel” im weißen Tüll-Röckchen und Josef Lehmann “Tiger, das Traumschaf”im Tigerkostüm mit Dompteursjacke. Sie sind es, die die Zuschauer mitnehmen auf die rasante Reise durch das Leben der beiden Hauptfiguren, Szenen kommentieren, Jahre überspringen helfen, mit Liedern verknüpfen, die Geschichte vorantreiben und karikieren. Immer wieder treten sie aus ihren Rollen heraus, spielen zugleich die Freunde und späteren Partner von Harry und Sally oder wahlweise einen Hund oder einen Fisch oder einen Anrufbeantworter. Schreiend komisch zum Teil, immer aber herrlich verrückt und von beiden Schauspielern mit großer Lust und Leidenschaft in schrägen Kostümen (Franziska Gebhardt) gespielt.

Die berühmte Szene im Restaurant

Ganz besonders Nicole Paul glänzt in ihrer Rolle und spielt beinahe Hannah von Peinen, die Sally gibt, an die Wand. Doch die weiß sich zu wehren, zieht in ihrer ersten Saison am Bielefelder Theater ebenfalls alle Register, gibt eine facettenreiche Sally, die sich vom Naivchen zu einer selbstbewussten New Yorkerin wandelt, die sich herrlich mit Harry (sehr überzeugend Thomas Wehling) streitet, versöhnt, verkracht, aber auch ganz wunderbare hysterische Ausbrüche mit ihrer Freundin Mary (Nicole Paul) auf die Bühne bringt und heulen kann, dass es eine Wonne ist. Auch die wohl berühmteste Szene des Films, in der Sally Harry mitten in einem Restaurant einen Orgasmus vorspielt, gelingt, weil auch sie nicht einfach kopiert, sondern mit der dem Stück eigenen augenzwinkernden Distanz im Stehen aufgeführt wird. Zuruf einer Zuschauerin: “Hoppla, etwas kurz.”

Dann passiert es

Überhaupt brandet des Öfteren Szenenapplaus auf. Und dann, ja dann, passiert es, Harry und Sally landen im Bett miteinander. Und alles ist fortan anders. Die reine Freundschaft ist dahin. Aus Spiel wird ernst. Männer und Frauen können doch nicht befreundet sein. Denn der Sex kommt auch diesen beiden dazwischen. Doch Harry und Sally finden am Ende zueinander, und eine ältere Bielefelderin schwärmt in einem Einspielfilm auf einem Sofa auf dem Alten Markt sitzend davon, dass die mehr als 40-jährige Ehe mit ihrem Mann die Erfüllung ihres Lebens gewesen sei. Und Schluss. Manchmal werden Märchen eben doch wahr. Auf jeden Fall in diesem Stück. Beste Abendunterhaltung.

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