“Jenseits von Eden” – Stadttheater Bielefeld

Im Teufelskreis des Bösen
Zwischen Entzücken, Abscheu und Mitleid: Schauspiel “Jenseits von Eden” in Bielefeld
VON JOHANNES VETTER – Neue Westfälische

Bielefeld. Der Gott der jüdisch-christlichen Bibel ist ein merkwürdiger Gott. Zuerst lässt er Adam und Eva, die Krone der Schöpfung, in die Falle der Versuchung tappen. Dann verschmäht er ein Geschenk Kains, der daraufhin Abel umbringt. Und schon ist böses Blut in der Welt.

Gott verbannt den Übeltäter in ein Land “jenseits von Eden”. John Steinbeck schreibt 1953 einen gleichnamigen Roman. Zwei Jahre später dreht Elia Kazan einen gleichnamigen Film mit James Dean. Ulrike Syha adaptiert den Stoff für die Bühne, und Christian Schlüter inszeniert die deutsche Erstaufführung im Stadttheater. Das Publikum erlebt eine nachdenklich stimmende Premiere.

Jürgen Höth hat eine “viel versprechende” Bühne bauen lassen. Sie erzählt von der Bigotterie des (amerikanischen) Alltags. Mitten auf der Bühne ein zweistöckiges Haus. Es ist eine Farm. Wenn die Bühne sich dreht, zeigt das Haus seine Rückseite, ein Bordell. Oder ist das Bordell die Frontseite, und die Rückseite ist die Farm?

Ewiger Kreislauf von Opfer und Täter
Die Bühne bevölkern Wiedergänger von Kain und Abel. Charles Trask schlägt seinem Bruder Adam die Zähne ein, denn sein Vater Cyrus hat sein Geschenk verschmäht. In der nächsten Generation vermöbelt Caleb Trask seinen Zwillingsbruder Aron, denn sein Vater Adam hat sein Geschenk verschmäht. Der ewige Kreislauf von Opfer und Täter. Kriege und Gewalt sind der Treibsatz solcher Teufelskreise.

Hannah von Peinen gibt mit Bravour die zerrissenste Figur des Abends. Cathy Ames liegt, aus verstörend rätselhaften Schuldverstrickungen kommend, schwer verletzt vor Adam Trasks Farm. Adam heiratet sie. Sie gebiert Zwillinge, Aron und Caleb, schießt Adam in die Schulter, verlässt ihn und verdrängt die Puffmutter von ihrem Thron.

Dabei wandelt sie sich – Jekyll und Hyde lassen grüßen – von einer attraktiven Frau mit blendend verstörendem Werbelächeln in eine abstoßende garstige Alte, erinnernd an Frauen, die in einschlägigen Filmen exorziert zu werden pflegen. Von Peinen realisiert das mit unheimlicher Virtuosität und lässt den Zuschauer pendeln zwischen Entzücken, Abscheu und Mitleid.

Vielsagende Doppelbesetzungen
Schlüter sieht – wie auch die Baseler Uraufführung – vielsagende Doppelbesetzungen vor. John Wesley Zielmann gefällt als gutmütiger Ire Samuel Hamilton, um dann in die Rolle von Hamiltons Sohn Will zu schlüpfen, einen haltloser Aufschneider. Nicole Paul ist neben der spießbürgerlich-geschäftstüchtigen Puffmutter die Ehefrau des Cyrus anvertraut, die sich in einem Anfall religiösen Wahns ertränkt. Sie spielt mit Lust die Zwiespältigkeit ihrer Charaktere. Niklas Herzberg ist Zuhälter, Barkeeper und Richter in einer Person und macht deutlich, dass das alles unter einen Hut und hinter eine Sonnenbrille passt. Nach dem unzugänglichenkriegsverletztenVater Cyrus gibt Georg Böhm den verletzlichen Aron.

Lukas Gräser sind die Rollen der beiden vernachlässigten Raubeine Charles (Bruder von Adam) und Caleb (Sohn von Adam) auf den Leib geschrieben. Caleb quält seinem Bruder Aron mit der Enthüllung, dass ihre gemeinsame Mutter eine Hure ist, worauf der in den Krieg nach Europa zieht und umkommt. Adam reagiert auf die Todesnachricht mit einem finalen Zusammenbruch. Die Seitenvorhänge fallen. Die Inszenierung selbst zerstört den letzten Rest von Illusion.

Thomas Wolff gibt einen facettenreichen Adam und vermittelt überzeugend, wie Elan in Depression umschlägt. Er gestaltet seine Figur mit feinen Strichen und kleinen Gesten, die schwerer wiegen und beklemmender wirken als alles Geschrei. Christina Huckle schließlich mimt den Sheriff. Hinter einem Wust von dümmlichen Okays sich verbergend ist sie der heimliche Motor des Bühnenstücks. Die Handlung ist Ausfluss ihrer polizeilichen Recherche. Sie bleibt ratlos zurück. Wichtigstes Bühnenrequisit – ein Hackklotz mit Beil.