“Luhmann” – Stadttheater Bielefeld

Lachen über Meisterdenker Luhmann
Tom Peuckerts Stück über den Soziologen in Bielefeld uraufgeführt
VON STEFAN LÜDDEMANN (www.welt.de)

“Theorie der Gesellschaft. Laufzeit: 30 Jahre. Kosten: Keine.” Mit dieser legendären Kurzbeschreibung seines Lebenswerkes geht Niklas Luhmann 1969 auf die wissenschaftliche Marathonstrecke. 28 Jahre und zehntausend publizierte Druckseiten später ist es vollbracht: Der 1928 in Lüneburg geborene Jahrhundertsoziologe vollendet seine Beschreibung der Gesellschaft, die als sogenannte “Systemtheorie” Wissenschaftsgeschichte schreibt.

Wie kommt man einem solchen Ausbund an Präzision bei? Vielleicht mit einem Theaterstück. Tom Peuckert hat es geschrieben. “Luhmann” – mit gerade einmal 20 Seiten im Umfang einer Proseminararbeit vergleichbar – hatte vergangene Woche an der Studiobühne des Theaters Bielefeld seine bejubelte Uraufführung.

Keine Angst: Peuckert liefert keine Lehrstunde in trockener Sozialtheorie, sondern die Vorlage für einen von vier Akteuren lustvoll gestalteten Theaterabend. Der spielt sich auf nackter Bühne ab – mit einer Reihe von Luhmanns Suhrkamp-Taschenbüchern als einziger Kulisse. Falsche Ehrfurcht vor dem 1998 verstorbenen Wissenschaftler, der von 1968 bis 1993 an der Universität Bielefeld forschte, kommt nicht auf. Im Gegenteil: Nicole Paul und Oliver Baierl setzen sich rote Clownsnasen auf und entweihen prompt den “heiligen Gral”. Sie öffnen Luhmanns Karteikasten und zerknabbern lustvoll einige der Karteikarten.

Oder Stefan Hufschmidt in der Rolle des langmähnigen Alt-Achtundsechzigers. Der reibt sich noch heute wund an Luhmann (“immer nur brillant”) und schildert seinen Mehltütenwurf auf den dozierenden Professor. Doch Professor Luhmann quittiert jede Aufsässigkeit nur mit höflichem Grinsen, promoviert seinen aufmüpfigen Widersacher gar noch zum Dr. phil. Peuckert macht in seinem von Patrick Schimanski inszenierten Stück weder den Bückling vor dem Superhirn Luhmann noch serviert er kleinliches Protestgemaule. Statt dessen führt sein Stück vor, wie Luhmanns Theorie funktioniert. Zum Beispiel so: Auf einem Bahnsteig sprechen drei “Beobachter” ihre Monologe. Sie führen ihre Weltsicht vor, allerhand Vorurteile über die anderen “Beobachter” inklusive.

Damit wäre die erste Luhmann-Lektion schon gelernt. Die handelt von den Blickrichtungen und ihren blinden Flecken, zeigt, wie jeder in seinem Sprachspiel gefangen ist. Abstrakte Theorie als Lektürehilfe für den Alltag? Genau das. Peuckerts Stück illustriert mit Textbausteinen die Weltsicht des Soziologen Luhmann, der Gesellschaft als Verbund isolierter Systeme entwarf. Jedes dieser Systeme kommuniziert vor allem mit sich selbst. Alles andere ist bloße Umwelt, von Systemen abgetastet auf das, was brauchbar erscheint.

Ob Politik, Wirtschaft, Religion oder Kunst – Luhmann zeichnet Gesellschaft als Konstrukt kühler Arbeitsteilung. Subjekt? Für Luhmann kein Bezugspunkt. Liebe? In den Augen des Meisterdenkers höchst unwahrscheinlich. Und das Glück? Blinder Fleck in einer perfekten Theorie.

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