“Tod eines Handlungsreisenden” – Stadttheater Bielefeld

Der ewige Verlierer
“Tod eines Handlungsreisenden” am Bielefelder Theater

VON HEIKE SOMMERKAMP – Neue Westfälische

Bielefeld. In seinen Träumen ist Willy Loman ein mega-erfolgreiches Verkaufsgenie, seine beiden Söhne sind hochtalentierte Prachtkerle. In der Realität ist er ein alternder Durchschnitts-Handelsvertreter mit nur mäßig erfolgreichen Söhnen, der sich auch in besseren Tagen beruflich eher durch Arbeitseifer als Verkaufserfolge hervorgetan hat.

Dass er das Ende des Plots nicht mehr erleben wird, verrät bereits der Werkstitel, und den Weg dorthin bringt das Bielefelder Ensemble unter Cilli Drexels Regie anrührend und fesselnd, traurig und komisch zugleich auf die Bühne des Bielefelder Stadttheaters.
Mehr als 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung ist Arthur Millers mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Stück, das in Bielefeld in einer mimimalistisch-durchdachten Ausstattung (Bühne: Christina Mrosek) im Retrolook (Kostüme: Julia Borchert) daherkommt, so aktuell wie eh und je.

Als liebenswert-weichlicher, alternder Allerweltstyp zwischen Tagträumen und Selbsterkenntnis, zwischen Liebenswürdigkeit und Wutattacke, geplagt von Komplexen und Schuldgefühlen, beherrscht Thomas Wolff in der Titelrolle beklemmend souverän das Geschehen.

Carmen Priego verleiht seiner Ehefrau anrührend verhärmte Würde, lässt sie nachvollziehbar in realitätsresistenter Liebe bis zur Selbstaufgabe dienen. Absolut sehenswert auch Georg Böhm, der als Sohn Biff glaubhaft die mentale Schlingertour zwischen Wunsch- und Realsohn, zwischen berühmter Sportskanone und austauschbarem Ein-Dollar-Jobber durchlebt.

Eine Spur weniger Eindruck beim Premierenpublikum hinterlässt Niklas Herzberg, der den aalglatt-angepassten Frauenhelden Happy gekonnt oberflächlich anlegt.

In den Nebenrollen überzeugen Thomas Wehling als bodenständig-erfolgreicher Nachbar, Janco Lamprecht mit unaufdringlich-glaubhaftem Nette-Jungen-Charme als dessen strebsamer Sohn, Oliver Baierl, ganz in Weiß mit Cowboyhut, großspurig als personifizierter American Dream, Stefan Imholz als geleckter Business-Unsympath, der den armen Loman nach 35 Dienstjahren einfach feuert, und Nicole Paul gleich zweimal als verführerische Dame.

Ist es barmherziger, Lomans sprunghafte Tagträume zwischen Euphorie und Depression mitzuspielen, oder hilft ihm eher ein Realitätsschock weiter?

Gefangen in jahrzehntelang geübten Verhaltensmustern, umkreist die Familie ihr mittlerweile unberechenbares, mental zwischen idealisierter Vergangenheit und glorifizierten Zukunftsträumen pendelndes Oberhaupt, bis dieses schließlich, als finale Starthilfe für Biffs langersehnten Berufserfolg, per Suizid 20.000 Dollar via Lebensversicherung lockermacht. Die illusionslose Begründung: “Tot bin ich mehr wert als lebendig.”

Anhaltender Applaus, mit besonderem Jubel für Wolff, Priego und Böhm, und angeregte Gespräche auf dem Weg nach draußen beweisen es: In der Bielefelder Fassung ist der “Handlungsreisende” einen Theaterbesuch absolut wert – sogar für all jene, die das Werk weiland im Deutsch- oder Englischunterricht so lange sezieren und analysieren mussten, bis sie jede Empfindung für Arthur Millers Meisterwerk auf immer verloren zu haben glaubten.

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