Shakespeares “Was ihr wollt” – Stadttheater Bielefeld

Shakespeares “Was ihr wollt” feiert großartige Premiere im Bielefelder Stadttheater
Der Wahnsinn treibt die Liebenden
VON CARMEN PFÖRTNER

Bielefeld. Verzweiflung, Hochmut, Entsetzen, Hoffnung – Shakespeares Komödie “Was ihr wollt” hält die volle Palette des Durcheinanders von Gefühlen und Empfindungen bereit. Und die Schauspieler verkörpern, ja leben dies. “Was ihr wollt” feierte am Freitagabend eine großartige Premiere auf der Bühne des Bielefelder Stadttheaters – lautstarke Ovationen der Zuschauer eingeschlossen.

“Ich bin echt froh, dass einem in diesem Stück alles mehrmals erklärt wird”, flüstert Sir Andrew Bleichenwang dem Publikum entgegen – das findet das angesprochene auch. Denn Irrungen, Verwechslungen und Irritationen machen das Stück nicht gerade leicht verständlich. Henner Kallmeyer, der den Klassiker liebe- und effektvoll inszeniert hat, gelingt es jedoch, aus dem Verwechslungschaos der Shakespeare’schen Vorlage eine Verwechslungskomödie zu schaffen, die leichtfüßig, witzig und dramatisch zugleich ist.

“Was ihr wollt” beginnt mit einer Katastrophe: einem Schiffsuntergang, der szenisch äußerst galant und minimalistisch umgesetzt mit ein paar Gläsern Wasser auskommt. Nass und gestrandet rafft die anfangs naiv auftretende Viola (überzeugend: Charlotte Puder) ihren blonden Schopf zusammen und tritt als Knabe verkleidet in den Dienst des Herzogs von Illyrien. Treten ist untertrieben, sie stampft förmlich. Charlotte Puder bringt eine schauspielerische Ausgewogenheit zwischen weiblicher Schönheit, die sie des öfteren fast in ihrer wahren Existenz verrät, und dem derben Auftreten des Knaben, den sie spielt, in die Figur Viola/Cesario.

Der Herzog Orsino (erstklassig: Johannes Lehmann) wird von seiner Liebe zur Gräfin Olivia förmlich zerfressen. Seinen Diener Cesario, alias Viola, schickt er los, um seine Liebe weiterzutragen. Wie ein Tumor greift die Kraft dieser Zerrissenheit um sich: Olivia (authentisch: Christina Huckle) verliebt sich in Cesario, der, beziehungsweise die, wiederum vernarrt ist in Orsino. Als Violas Zwillingsbruder Sebastian auch noch auftaucht, nimmt das Liebes- und Verwirrungsdrama seinen Lauf.

Malvolio, Diener von Olivia (sehr stark: Thomas Wehling) wird zu einer Marionette des falschen Spiels, was ihn am Ende Ruhm und Verstand kostet. In der Figur des Herzogs Orsino wiederum scheint sich das gesamte Spiel der Geschlechter zu vereinen: Johannes Lehmann spielt elegant, distinguiert und sensibel zugleich. Seine schon fast übertrieben androgynen Züge unterstreicht die Bühnen- und Kostümbildnerin Franziska Gebhardt mit körperbetonter Kleidung und schwarzen Pumps. Er ist das zeitgenössische Abbild eines liebeskranken Shakespeare’schen Herrschers.

Konträr zu dieser Seite der durch Liebe zermarterten Dreiecks-Konstellation verhalten sich die Figuren Sir Toby Belch, Maria und Sir Andrew Bleichenwang. Sie sind die Strippenzieher des Durcheinanders und ernten durch ihre lustige und extrovertierte Art die meisten Lacher des Publikums.

Maria (pathetisch: Nicole Paul) positioniert sich auf keiner der Seiten und steht in der Mitte von Betrügern und Betrogenen, von Täuschenden und Getäuschten. Das Duo Sir Toby (überzeugend: Lukas Graser) und Sir Andrew (exzellent: Thomas Wolff) findet vor allem Gefallen am Alkohol. Die närrische Welt der Karnevalszeit, in der Shakespeare das Stück einst anlegte, spiegelt sich in den beiden Gefährten wider.

Außerhalb dieser Verkettungen steht Antonio, Retter von Violas Zwillingsbruder Sebastian. Carmen Priego spielt brillant, was alle anderen Figuren sind: wahnsinnig. Jede Figur des Dramas steht irgendwann als Narr da, wird zum Narren gemacht oder hält jemand anderen zum Narren. Ausgenommen die Figur des Narren, Clown genannt (großartig: Therese Berger). Ausgerechnet er ist der einzige, der sich nicht in dem Labyrinth von subjektiv verzerrten Wahrnehmungen und Selbsttäuschungen, verrennt: “Nichts, was so ist, ist so.”

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