“Kabale und Liebe” – Stadttheater Bielefeld

Umjubelte “Kabale und Liebe”-Premiere am Stadttheater Bielefeld
Die neuen Leiden der jungen Millerin

VON ANTJE DOSSMANN – Neue Westfälische

 

Bielefeld. Als Kabale und Liebe am 17. April 1784 im Nationaltheater Mannheim in Anwesenheit des Dichters aufgeführt wurde, standen nach dem zweiten Akt sämtliche Zuschauer auf und brachen in stürmischen Beifall aus. Auf der Bühne war gerade etwas Ungeheuerliches geschehen: Ein Bürgerlicher hatte einen Adligen seines Hauses verwiesen, und der Sohn dieses Adligen sich offen gegen den eigenen Vater gestellt.
Es war, als hätte sich zum ersten Mal eine Tür geöffnet, und das unter der erstarrten Ständeordnung leidende Publikum witterte Morgenluft. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte Schillers soziales Drama auch schlicht “Liebe” heißen können. Heutige Zuschauer kennen natürlich seinen verheerenden Ausgang und sinken nach dem zweiten Akt unter dem Wissen der “Kabale”, die bald danach kommt, eher noch tiefer in ihre Sitze als voller Hoffnung aufzuspringen. Weil das Schicksal der Luise Miller, wie modern man den Klassiker auch auslegen mag, eine tieftraurige Angelegenheit bleibt.

Das ist auch in Christian Schlüters großartiger Inszenierung so, die den Mut hat, die Versöhnungsszene am Ende wegzulassen und dadurch zu einem verstörenden Schluss gelangt, der das Los der jungen Millerin indes nicht weniger hart erscheinen lässt. Eher im Gegenteil. Als Luise stirbt durch Ferdinands Hand, ist das bei Schlüter kein diskretes Dahinscheiden, sondern ein einsamer, lauter, schrecklicher Tod.

So wenig wie der sie kraftlos in seinen Armen haltende Ferdinand spielen die beiden Väter im Augenblick ihres qualvollen Vergehens eine Rolle. Radikaler kann man kaum zeigen, wie falsch es war, wieder und wieder Zugeständnisse an die rücksichtslosen Patriarchen zu machen, wie die Bürgerstochter es bei Schiller noch aus religiöser Überzeugung tat. Im Zeitalter der Säkularisation kann man dieses Motiv getrost ad acta legen, was Schlüter macht, zugleich aber zeigt er, dass dadurch nicht automatisch Freiheit gewonnen wird. Liebe bleibt auch bei ihm ein anfälliges Konstrukt. Seine Sympathien liegen klar bei denen, die “mit blutender Seele” lieben wie Luise. Und wie Isabell Giebeler diese Unglückselige spielt, ist einfach sensationell. Anrührend, zerrissen, erst von Angst, später von Ekel befallen wie von einem juckenden Hautausschlag.

Anton Pleva als von seiner eigenen Liebe trunkener Ferdinand steht ihr kaum nach und verströmt eine intensive Energie auf dem weißen Laufsteg, der als Bühne der Eitelkeiten dient und aus gewaltiger Raumtiefe in die Zuschauerränge leckt wie eine Zunge. Alle Darsteller überzeugen, begeistern mit ihrem von behutsamen Choreografien (Gundula Peuthert) akzentuiertem Spiel: Guido Wachter, als Präsident von Walter ein unberechenbarer Intrigant, der für seinen Sohn so wenig Verständnis aufbringt, wie es Stefan Imholz als maulheldenhaftes Vatertier Miller für seine Tochter vermag.

Janco Lamprecht als Hofmarschall von Kalb, erst ein Charming Boy auf dem Catwalk, später ein dummer Junge mit blutender Lippe. Lukas Graser als schier scheußlicher Sekretär Wurm. Hannah von Peinen, deren Verkörperung der ambivalenten Lady Milford prägnanter nicht hätte sein können. Und Nicole Paul, die als Mutter Millerin wenig zu sagen hat, aber wenn sie etwas äußert, den Nagel auf den Kopf trifft. So sitzt man als Zuschauer stumm bewegt und schaut gebannt. Zwei Stunden vergehen wie im Flug, eine Pause empfände man als Störung, und als schließlich alles aus ist, brandet Beifall auf, der lange nicht enden will.

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