“Herminie” – Theater am Alten Markt

Urkomische “Herminie” im Bielefelder Theater am Alten Markt
Inszenierung von Intendant Michael Heicks

VON JOHANNES VETTER – Neue Westfälische

Bielefeld. “Eine Komödie, bei der man nicht lacht, ist ebenso tragisch wie eine Tragödie, bei der man lacht”, schreibt Claude Magnier, der Autor der Komödie “Herminie”, die am Samstagabend im Bielefelder Theater am Alten Markt Premiere hatte. Und – um es gleich vorweg zu nehmen – es wird gelacht, ab und an gar gegeiert und hin und wieder auch gewiehert.
Es ist üblich, in Rezensionen kurz und knapp die Handlung zu skizzieren. Aber wie soll man das anstellen, wenn der 1983 verstorbene Autor von sich behauptet, das Drama interessiere ihn im Grunde nicht – “ich liebe Gags!” Wenn Figuren schneller als man denken kann Identitäten tauschen, wenn eine Figur plötzlich zweifach auf der Bühne steht, wenn die Figuren oft selber nicht mehr wissen, wer sie sind, und wenn Alfred Brétoux, der Schriftsteller, gesichtsbandagiert die Bühne betritt, offiziell tot ist und nach Entfernung der Bandagen ein gesichtschirurgisch modelliertes Antlitz zur Schau stellt, das eh keiner kennt, dann ist die Verwirrung komplett.
Dann weiß keiner mehr, wo ihm welcher Kopf steht – und zu allem Überfluss halten sich die meisten Protagonisten ständig in Wandschränken auf (Bühne: Annette Breuer), dann ist es aus mit dem Überblick, dann nutzt auch kein Seitenblick, und der Rückblick ist ohnehin keine verheißungsvolle Perspektive, denn die Erinnerung erweist sich als unaufgeräumte Bude.

Niemand weiß, wer gerade in welchem Schrank steckt, welcher Schrank für erneute Versteckspiele überhaupt noch frei ist; und wenn einer herauskommt, weiß man, wer es ist? Ein gigantisches Hütchenspiel geht über die Bühne, in dem jeder jeden narrt, und der Zuschauer ist der Dumme; die Rolle des Narren ist auf ihn übergegangen. Und was tut er klugerweise? Er lacht sich scheckig, hauptsächlich über sich selbst!


Viele Schränke – viele Rollen
Carmen Priego als Herminieist zum Brüllen komisch, verführerisch wie ein Waschweib, trotzig wie ein Kind, überdreht wie ein Teenager, zauberhaft wie eine Hexe. Guido Wachter alias Alfred schlüpft in die meisten Rollen und Schränke mit gestischer mimischer und sprachlicher Virtuosität. Jean-Baptiste, Cousin und Stotterer, bestens verkörpert durch das komödiantische Naturtalent John Wesley Zielmann, geht stets dann in die Falle, wenn er denkt, er habe alles durchschaut. Françoise (Nicole Paul), die beste Freundin von Herminie und Liebhaberin Alfreds, hat den hinreißenden Charme einer Dampfwalze: mondän, elegant, durchsetzungsstark.

Thomas Wolff mit feinem Gespür fürs Lächerliche gerät als Verleger Gaston Martin meistens ins Stolpern. Und Omar El-Saeidi gibt eine Kreuzung aus Don Juan und Top-Terrorist mit einer Prise Johnny Depp.Und erst das giftgrüne Sofa auf der Bühne, auf, neben und unter dem sich so mancherlei abspielt.

Hoch zu rühmen ist die Ensemble-Leistung in der rasanten Inszenierung des Bielefelder Intendanten Michael Heicks, eine Art kollektiver Permanent-Slapstick. Komödie ist schwer, verdammt schwer. Aber alle erweckten den Eindruck, als wär’s ein Klacks. Rhythmischer Beifall!

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